Wenn es ruhig wird bei Uniqz, heißt das meist nicht, dass sich hier nichts tut, sondern eher, dass Dinge hinter verschlossenen Türen geschehen.

So war es auch in den letzten Wochen.

Meine Schwiegertochter fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, aus ihrem Brautkleid ein Taufkleid für unser Enkelkind zu nähen. Natürlich freute ich mich über diese Bitte, war mir jedoch auch der großen Verantwortung bewusst. Wer schneidet schon leichtfertig in ein Brautkleid?

Zunächst dachte ich noch, dass das reine Nähen eines Taufkleides ja nicht so viel anders sein kann, als das, was ich sonst so nähe.

Weit gefehlt, denn ich hatte die Rechnung ohne die eigenen Emotionen gemacht und ich bin keine Schneiderin und kenne mich mit Schnittanpassungen und Schnitterstellung nicht wirklich gut aus. Dennoch kamen mir über 30 Jahre Näherfahrung natürlich bei Problemen zu Gute.

Los ging es mit dem „Material“. Ein letzter Blick auf das Brautkleid:

Brautkleid

Gewünscht war ein ärmelloses Kleidchen mit glattem Oberteil und angekraustem Rockteil in mittlerer Länge. Ich suchte lange nach einem passenden Taufkleid-Schnittmuster, fand jedoch nichts, das uns allen gefallen hätte.

Daher schlug ich ein schon älteres Schnittmuster von Butterick (5326) vor, das ich bereits in meinem Fundus hatte. Hier konnte ich problemlos verlängern und die Taschen weglassen. Die Rückseite ist durchgeknöpft und daher prima für für unser Projekt geeignet.

Schnittmuster Butterick 5326

Eigentlich ist das kein besonders schwieriges Schnittmuster. Um in der Passform keine Überraschungen zu erleben fertigte ich (zum Glück) zunächst ein Probekleid für Ella an – darin versank sie jedoch. Das Oberteil war viel zu weit. Da mein Schnittmuster jedoch keine kleinere Größe vorsah, kam gleich die erste Hürde: Ich musste den Schnitt anpassen. Dies jedoch klappte erstaunlicherweise ganz gut und das zweite Kleidchen (hier noch ungesäumt und in alltagstauglicher Länge) passte wunderbar (allerdings mit vorderer Mittelnaht, da ich noch ein zweites Mal die Weite korrigieren musste):

Probekleid

Das Taufkleid sollte natürlich keine Mittelnaht haben, drum änderte ich das Papierschhnittmuster noch einmal um ein kleines Stück und gab beim Halsausschnitt ein Stückchen zu, damit es am Hals nicht zu eng wurde.  Weiter ging es dann frohen Mutes mit dem Zuschnitt der Oberteile (jeweils eines aus Futterstoff und Brautsatin)

Zuschnitt Taufkleid - Oberteil

Hier ein Foto des  Original Braut-Rockteiles (Satin) mit aufgestecktem Rücken-Schnittmuster des Taufkleid-Oberteiles, um eine Vorstellung zu bekommen, wie winzig das Oberteil ist (wobei hier noch die Fläche links der eingezeichneten Längsmarkierungen für die Knopfleiste eingeklappt werden):

Größenvergleich

Dann überlegten wir uns gemeinsam, wie die Dekoration aussehen könnte und wünschten uns einstimmig einen kleinen Farbakzent in apricot, kombiniert mit dem Cremeton des Satins. Ich besorgte kleine Satin-Röschen, die ich auf eine Tüllrosette nähte und mit zwei zarten Satinbändern zu einem dezenten Gürtel verarbeitete. Der originale Brautgürtel war zu mächtig für das kleine Persönchen und ein schmales Satinband wirkte recht dürftig. Daher entschieden wir uns für zwei übereinander gelegte Bänder. Eine Schulter sollte noch eine zarte Stickerei aus dem Brauttüll bekommen. Diese konnte ich recht gut ausschneiden und mit passendem Garn nahezu unsichtbar aufnähen, da Tüll nicht franst. (Hier sind alle Elemente nur probeweise gelegt und noch nicht befestigt):

Oberes Vorderteil mit aufgelegter Dekoration

Doch nun wurde es schwierig. Mein Schnittmuster sah einen Rock vor, der aus einem angekrausten Rechteck bestand. Unser Brautkleid war jedoch im Unterkleid als A-Linie geschnitten und die drei darüber liegenden Tüll-Lagen waren als Tellerrock (= rund) zugeschnitten. Das heiß auch, dass die Stickereimotive im Kreis angeordnet waren, sodass ich nicht einfach rechteckig zuschneiden konnte, wollte ich ein harmonnische Anordnung der Motive erhalten.

Mein Schnittmuster war also für den Rocktgeil völlig unbrauchbar. An der Stelle bekam ich Panik und zweifelte daran, ob ich das gewünschte Taufkleid überhaupt würde anfertigen können. Ich suchte zunächst nach einem neuen Schnittmuster mit einem Tellerrock. Das gestaltete sich jedoch in der Babygröße als äußerst schwierig (=unmöglich) zumal ich ja gerne mein zwischenzeitlich bereits fertig genähtes Oberteil verwenden wollte.

Ich brauchte eine schlaflose Nacht Bedenkzeit und entscheid mich gezwungenermaßen zum Zuschnitt ohne Vorlage, was ich noch  nie gemacht hatte – erst Recht nicht bei einem Stoff, den ich nicht mal eben nachbestellen kann.

Beim Unterkleid ging es mir eigentlich noch ganz gut von der Hand. Ich trennte drei von den vorhandenen fünf Bahnen aus dem Brautkleid und setzte sie in A-Linie an das Futter-Oberteil, ich musste seitlich noch ein wenig wegnehmen, damit es faltenfrei saß (es sollten ja noch reichlich Kräuselfältchen vom Tüll an der Taille dazukommen). Das funktionierte recht gut und schnell konnte ich (links im Bild) ein fertiges Unterkleid präsentieren. Rechts habe ich die unbestickten Tülllagen an das Oberteil drapiert um einen Eindruck von der Stofffülle zu bekommen. Hier habe ich ungefähr die Hälfte der Brautkleid-Volumens genommen.

Grundgerüst,Taufkleid

Leider bedachte ich zu spät, dass ich die beiden Oberteile hätte zuerst (!) miteinander verstürzen müssen, bevor ich die Rockteile annähe. Also musste ich den Unterrock vom Futter-Oberteil Stich für Stich wieder abtrennen. Dumm, dass ich auch ncoh abgesteppt hatte, um die Naht möglichst flach zu halten. Also hieß es gleich zwei Nähte rundherum trennen. Der kräftige Brautsatin verzieh das erstaunlich gut, das zarte Futter franste leider ziemlich aus, dies konnte ich aber dank meiner Overlockmaschine retten – ich verlor lediglich einen halbn Zentimeter Länge am Oberteil, was nicht weiter tragisch war. Puh…

Jetzt ging es erst richtig los, unten liegt die obere Lage Tüll, hier durfte ich keinen Fehler im Zuschnitt machen, da die verwertbare Fläche verhältnismäßig klein war. Der obere Bereich war für ein Baby viel zu stark bestickt und überladen, wir wollten es dezenter. Der untere Teil war stark „zertanzt“ und von vielen Zugfäden durchzogen:

Obere Lage Brauttüll, abgetrennt

Zunächst konnte ich mir nicht so recht vorstellen, wie ich hier einen babytauglichen Überrock herausschneiden sollte. Hier konnte ich nichts verstecken, das war die obere, sichtbare Lage. Doch dann entdeckte ich gleichmäßig verteilte Nähte, die man auf Anhieb gar nicht sah. Ich versuchte diese immense Stoffmenge einmal so auszulegen, dass ich die Schnittstruktur erkennen konnte:

Brautttüll mit Schnittmarkierungen

Ich glaube, man erkennt ganz gut, dass hier Viertelkreise mit zwischengenähten Streifen (grün markiert) abwechseln. Da wir nicht zu viel Stickerei wollten, dachte ich mir, dass ich die oben herum stark bestickten Streifen einfach herausnehme und die verbliebenen Viertelkreise wieder zusammen nähe. Später wollte ich an der orange markierten Linie abschneiden und den entstandenen „Teller“ an das Oberteil setzen….

Aber würde das so klappen, wie ich mir das dachte? Und ließ sich der feine Tüll überhaupt nähen ohne sich zu verziehen? Meine Gedanken kreisten permanent um diese Schwierigkeiten, denn es gab keinen zweiten Versuch:

Brautkleid skelettiert

Es nützte nichts, ich musste es so zuschneiden, eine andere Möglichkeit sah ich nicht. Also: beherzt zugeschnitten und den gesamten Tüll skelettiert. Hier sind die Streifen und Viertelkreise säuberlich voneinander getrennt. Die Unterschiedlichen Längen ergeben sich durch die Schleppe. Die Streifen legte ich zur Seite und bei den Viertelkreisen sieht man ganz gut, dass ich die obere Stickerei durch die geplante kreisförmige Schnittführung (oben in orange markiert) würde wegschneiden können. Mein Plan schien aufzugehen.

Von den nächsten Schritten habe ich keine Bilder gemacht.

Zunächst nähte ich aus Resttüll ein paar Nähte zur Probe und passte Fadenspannung und Nähfußdruck so lange an, bis der Tüll verzugfrei genäht werden konnte: wunderbar. Ein Problem war gelöst. Das war ja halb so wild im Nachhinein.

Ich nähte also die Viertelkreise wie geplant zusammen und hatte beim anlegen an das zierliche Oberteil viel zu viel Material. So nahm ich noch einmal ein Viertel heraus und testete erneut – nun erschien es mir stimmig. Ich steckte alles zur Probe und war zufrieden mit Fall und Wirkung – auch die Verteilung der Stickmotive war ganz hübsch, wenn auch nicht ganz symmetrisch, aber das sollte bei dem fluffigen Tüll nicht weiter ins Gewicht fallen. Also schnitt ich frei Hand zu und es funktionierte tatsächlich.

Da ich mit diesen drei einzelnen Lagen Tüll nicht gut weiterarbeiten konnte (das verrutscht fürchterlich unter der Maschine) klammerte ich alle Lagen zusammen und nähte ich sie oben in der Taille zusammen, sodass ich mit gefühlt „einer Lage“ weiter arbeiten konnte. Diese Naht sollte später in der Ansatznaht verschwinden, aber man sah sie so gut wie gar nicht, sodass ich hier beruhigt war. Jetzt musste das Ganze erneut im Kreis drapiert und die Stoffmenge so gleichmäßig wie möglich um das Oberteil herum verteilt werden. Ich steckte mit unendlich vielen Nadeln (die immer wieder herausfielen, da der Tüll so löcherig ist) und hängte das halbfertige Teil immer wieder auf einen Kleiderbügel um den Fall zu kontrollieren. Ich hab mehrfach neu gesteckt, bis ich die Massen halbwegs gleichmäßig verteilt und gleichzeitig die Motive möglichst hübsch arrangiert hatte.

Jetzt kam es darauf an: annähen und beten, dass der erste Versuch gelingt, denn an ein auftrennen war nicht zu denken. Ich benutzte natürlich farblich genau passendes Garn und die Stiche waren im Tüll selbst mit Brille einfach nicht zu erkennen. Zudem würde der Tüll das Trennen garantiert nicht so leicht verzeihen.

Dank der vielen Nadeln und Klammern konnte ich die Massen sehr laaaangsam nähend  ansprechend miteinander verbinden. Große Erleichterung! Ganz viel konnte nun nicht mehr schief gehen.

Das sah jetzt tatsächlich schon wie ein Taufkleid aus:

Probekleid und Taufkleid

Nun kam der Feinschliff – das Kleid sollte nicht ganz so lang sein, so wurde es noch einmal auf halber Strecke zwischen der unteren Motivkante und dem Saum gekürzt. Die oberen Lagen Tüll mussten einfach nur geschnitten werden (gar nicht so einfach bei drei Lagen und diesen Massen – aber dank Rollschneider  und schrittweisem herantasten durchaus machbar) Dann konnte das Unterkleid – ein wenig kürzer als die Tülllagen – gesäumt werden.

Auf der Rückseite habe ich beide Kleider nun auch im Rockteil miteinander verstürzt. Knöpfe habe ich nur im oberen Rücken angebracht, damit Ella während der Taufe unter dem Kleid gehalten werden konnte. Dank der Stofffülle würde es dennoch nicht „offen“ erscheinen. So würde das Kleid hübsch fallen, dachte ich mir.

Nach reiflicher Überlegung habe ich mich gegen normale Knöpfe und auch gegen einen Reißverschluss entschieden, sondern transparente Babysnaps (= Kunststoffdruckknöpfe) eingeschlagen. Diese unedlen Plastikknöpfe konnten natürlich nicht so bleiben, sie hätten den ganzen Stil des Kleides zerstört, daher besetzte ich die Knöpfe von Hand mit cremefarbenen Röschen. Hier sieht man auch schon das doppelte Satinband, das ich hinten um die Seitenkante gelegt habe. (Man hätte es auch lose umbinden können, aber ich wollte verhindern, dass es verrutscht und habe es deshalb im Rücken bis zu den Seitennähten komplett festgenäht. Noch schöner wäre es gewesen, ich hätte die Bänder in der Seitennaht mitgefasst, aber ich wollte den ohnehin strapazierten Stoff nicht noch einmal auftrennen.

Röschenknöpfe

Hier ein Detailbild von der Tüllrosette mit den Röschen. Vorne habe ich die Bänder nur unsichtbar unter dem Tuff fixiert und ansonsten in der Taille lose gelassen. Von der Schleife fallen die Bandenden ebenfalls lose herunter

Röschendekoration vorne

Natürlich brauchte Ella noch einen dezenten Kopfschmuck. Hier habe ich ein ganz zartes Stirnband mit dem passenden Röschenelement dekoriert:

Stirnband, Taufe

…und schließlich plumpsten Felsen – ich hatte es tatsächlich geschafft und freute mich wahnsinnig über das Ergebnis. Es hat Nerven gekostet, weil der Stoff so ideell wertvoll war und nicht alles wie geplant umsetzbar war, aber jede Minute hat sich gelohnt und ich freue mich sehr, dass unsere kleine Maus ein solch besonderes Kleid aus dem Brautkleid ihrer Mama tragen konnte. ♥

Ganz nebenbei habe ich bei dem Projekt noch eine Menge gelernt. Learning by doing – das hört nie auf.

Taufkleid aus Brautkleid

Herzlichen Glückwunsch, meine kleine Ella ♥ , wir hatten ein ganz wunderbares Familienfest.

Taufe

Und zuletzt noch ein kleines Taschentuch mit dem Taufspruch zur Erinnerung und vielleicht dient es einmal als „etwas Altes“ zu ihrer Hochzeit. Wer weiß…

Tauftaschentuch

Damit habe ich mein bisher größtes und aufregendstes Nähprojekt erfolgreich abgeschlossen.

Danke fürs lesen.

Der Beitrag „Es war einmal ein Brautkleid…… und es kam als Taufkleid erneut zum Einsatz“  erschien zuerst auf Uniqz.de
 

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Es war einmal ein Brautkleid…… und es kam als Taufkleid erneut zum Einsatz
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6 Gedanken zu „Es war einmal ein Brautkleid…… und es kam als Taufkleid erneut zum Einsatz

  • 17. Oktober 2017 um 11:01
    Permalink

    Wow, wie wunderwunderschön.
    So hängt das Brautkleid nicht mehr im Schrank sondern kann nochmals genutzt werden. Es ist wirklich ganz zauberhaft geworden.

    Herzlich Daniela

    Antworten
    • 17. Oktober 2017 um 12:59
      Permalink

      Hallo Daniela,

      herzlichen Dank für Dein nettes Lob. ♥
      Freut mich sehr!!

      Herzliche Grüße aus Köln

      Petra Ruland

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      Antworten
  • 7. Oktober 2017 um 11:05
    Permalink

    Liebe Petra,

    beim Lesen blieb mir ja fast das Herz stehen, so schön hast du die Aufregung beschrieben und ich musste einfach mitfiebern! Zuerst dachte ich: „verrückt!“ Und dann nur noch: „wow!“ Im Leben hätte ich mich nicht an das schöne Brautkleid getraut. Aber es hat sich wirklich alles gelohnt und einfach richtig schön! Alles Gute weiterhin!

    Herzliche Grüße,
    Jenny

    Antworten
    • 7. Oktober 2017 um 11:37
      Permalink

      Hallo Jenny,

      ganz lieben Dank für das nette Feedback ♥
      Es war tatsächlich eine ziemliche Überwindung in dieses Kleid zu schneiden. Es gab ja im grunde keinen Plan B. Obwohl ich schon wirklich viel Näherfahrung habe, war das bisher die schwierigste und emotional natürlich berührendste Aufgabe.

      Herzliche Grüße aus Köln

      Petra Ruland

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      Antworten
  • 6. Oktober 2017 um 8:39
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    Liebe Petra,

    ich bin ganz gerührt über diesen Beitrag. Welch‘ eine zauberhafte Idee, das Brautkleid zum Taufkleid zu machen (ha, damit ist es bewiesen, Brautkleid bleibt eben nicht Brautkleid und Blaukraut… ach lassen wir das *lach*). Wunderschön. Eine schöne Erinnerung an die Hochzeit und vielleicht ergibt sich daraus eine kleine Tradition, das Brautkleid so schön weiterzuverwenden. Hut ab vor deinen Nähfähigkeiten, das Taufkleid sieht spitzenmäßig aus!

    Herzliche Grüße

    Anni

    Antworten
    • 6. Oktober 2017 um 8:49
      Permalink

      Hallo Anni,

      vielen Dank für Dein nettes Feedback, ich freue mich sehr darüber. (An den Brautkleid-Blaukraut-Spruch dachte ich tatsächlich auch, als ich den Titel für die Dokumentation tippte… )
      Ja – ich gehe davon aus, dass das Taufkleid ein Traditionskleid wird und hoffentlich noch viele kleine Schätze zur Taufe begleitet.

      Herzliche Grüße aus Köln

      Petra Ruland

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